Greve in Chianti – ein Ort, der in seiner Bezeichnung schon den Wein inkludiert hat, kann nur schön sein. Dabei beginnt es mit der Schönheit schon viel früher. Nämlich bei der Anfahrt ausgehend von Florenz. Dort startet die SS 222, weltweit bekannt als Via Chiantigiana: die Straße, die von Florenz bis Siena das gesamte Chianti-Gebiet durchquert. Entlang von malerischen Hügellandschaften mit den typischen Olivenhainen, Zypressen und Weingärten. Als erster Stopp auf der Route stellt Greve somit das Tor zum Chianti dar. Einmal im Jahr wird die Marktstadt überhaupt zum Nabel der Welt für Wein-Liebhaber:innen. Wenn im September ein Wochenende lang das Chianti Classico Weinfestival stattfindet. Die Zimmer sind für diesen Termin schon Monate im Voraus ausgebucht.

Eine Zeitreise
In Greve angekommen, kommt das angenehme Gefühl auf, aus der Zeit gefallen zu sein. Die Gemeinde mit rund 3.800 Einwohner:innen im Ortskern, strahlt von der ersten Minute an eine angenehme Ruhe aus. Einen Safe im Zimmer der Unterkunft sucht man hier vergeblich. Ich persönlich kam auch gar nicht mehr auf die Idee, danach Ausschau zu halten. Nachdem die Vermieterin des ersten Bed & Breakfast zwei Stunden vor der Ankunft gemailt hatte, dass nachmittags die Rezeption nicht besetzt sein wird, daher der Zimmerschlüssel am braunen Board daneben zu finden sei. Was das genau bedeutete: Der Schlüssel hing gemeinsam mit einem weiteren und je einem Willkommenszettel inklusive Namen an einer Pinnwand unweit des Hauptlatzes. Fast so wie damals bei meiner Oma, die den Haustürschlüssel auch immer unter der Fußmatte versteckt hatte.


Greve, die langsame Stadt
So gesehen ist es nicht überraschend, dass Greve ein Mitglied der Cittàslow ist. Der international tätige Verein wurde 1999, inspiriert von der Slow-Food-Bewegung, in Italien gegründet. Zu seinen Hauptzielen zählen die Verbesserung der Lebensqualität in Städten sowie das Verhindern der Vereinheitlichung und Amerikanisierung dieser. Greve muss – zumindest aus Touri-Sicht – als Musterschülerin durchgehen. Das dolce far niente lässt sich hier ausgiebig zelebrieren. Auch von Franchise-Unternehmen keine Spur, vielmehr werden in den Läden lokale Spezialitäten und Kunsthandwerke angeboten. Es ist fast erstaunend, dass eine derartige Bewegung ihren Ursprung in Italien hat. In dem Land, in dem es Coffee-to-go einfach nicht gibt und sich selbst aktuell eine amerikanische Pizza-Kette nach dem gescheiterten Versuch Fuß zu fassen, wieder zurückzieht. Genuss wird hier gelebt. So gesehen scheint diese Bewegung zumindest für Außenstehende sehr vorausschauend.

Greve bietet einen guten Ausgangspunkt für Sightseeing, Wanderungen und Radfahrten in der Umgebung an. Der Ortskern und dessen Sehenswürdigkeiten selbst sind relativ rasch besichtigt. Der Piazza Matteotti ist umgeben von Laubengängen, in welchen Bars, Restaurants und kleine Läden zum Verweilen einladen. Inmitten des Platzes zieht die Statue des Seefahrers Giovanni da Verrazzano die Blicke auf sich, während etwas weiter seitlich die Kirche Santa Croce zu finden ist. Samstagvormittags findet auf der Piazza der Wochenmarkt statt. Fliegende Händler bieten auf zahlreichen Ständen ihre Waren an: von Kleidung über Schmuck bis hin zu Kochlöffeln.

Ruhe ohne Rummel
Nach zwei Nächten in einem Bed & Breakfast mit Pool im Ort, war an die geplante Rückkehr nach Florenz nicht mehr zu denken. Viel zu verlockend war der Gedanke, hier umgeben von wunderschöner Natur die Ruhe weiter zu genießen. Diese absolute Ruhe, die mit der Dunkelheit einkehrt, begleitet von Zirpen. Und nur dadurch durchbrochen wird: den Sirenentönen der Einsatzfahrzeuge, die auch um 2 Uhr morgens in maximaler Lautstärke auf sich aufmerksam machen. Am Verkehr kann es mit Sicherheit nicht liegen. Aber verständlich, dass alle wissen sollen, hier wird auch des nächtens gearbeitet. Auf alle Fälle war für die nächsten zwei Nächte noch ein Aufstieg geplant. Der Wunsch war: eine Unterkunft in den Weinbergen zu finden. Grundsätzlich ist das nicht schwer, vorausgesetzt man ist mit dem Auto unterwegs. Mit den Öffis wird das schon etwas herausfordernder.
La dolce vita inmitten der Toskana


Ist aber die Bereitschaft gegeben, von der Piazza Matteotti in Greve rund 15 Minuten lang mit dem Gepäck auf einer Straße bergauf und in Folge einem Schotterweg zu gehen, steht einem paradiesischen Aufenthalt inmitten typischer toskanischer Landschaft nichts mehr entgegen. Das B&B Casale Le Masse verfügt nicht nur über liebevoll eingerichtete Zimmer, sondern auch einen Infinity Pool mit Blick in die Weinberge und Olivenhaine. Beim Frühstück stehen so viele selbstgemachte Süßspeisen zur Auswahl, dass auf Grund meines WhatsApp-Fotos der Glaube bestand, das Frühstück werde in einem Kaffeehaus konsumiert.


Summa summarum: Greve in Chianti ist ein Ort, der rund eine Auto(bus)stunde von Florenz eine perfekte Möglichkeit für einen Aufenthalt abseits des Trubels der toskanischen Hauptstadt ermöglicht.
Anreise nach Greve
Mit dem Auto: Einfach dem Navi folgen. ;-)
Mit dem Bus: Aus Florenz gehen stündlich Busse nach Greve in Chianti. Ein Ticket kostet 4,50 Euro für die rund einstündige Fahrt und kann direkt am Busbahnhof, der etwas versteckt ca. 5 Gehminuten hinter dem Bahnhof Firenze S.M.N. liegt, gekauft werden. Entweder das Ticket für die Rückfahrt wird auch gleich gekauft, oder es wird in Greve in der Trafik erworben.
Ein Kassenzettel – Busfahrer: Was ist das? Ich so: Mein Ticket
Das läuft übrigens so: Man bekommt einen Kassenbeleg in die Hand mit dem Hinweis, Datum und Abfahrtszeit müssen vorab selbst darauf geschrieben werden. Auf die Frage, wann der nächste Bus gehe, herrschte großes Rätselraten. Ich habe dann meine gewünschte Zeit seitlich notiert und den Beleg so dem Chauffeur unter die Nase gehalten. Der wiederum mich fragte, was das sei. Meine Antwort, das sei mein Ticket aus der Tabacchi hat er mit einem „Ok“ quittiert. Bis heute lässt mich die Vermutung nicht los, dass ich ev. den Kassenbon der Kundschaft vor mir erhalten habe.
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